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Gelenkig Blicken

Göran Gnaudschuns Neue Portraits

Diese Fotos beweisen nichts. Es geht weder um eingebildete Jugendliche aus sozialbedenklichen Stadtteilen noch um Schönheitswettbewerbe. Es geht vielleicht um den Schrecken über die Veränderlichkeit von Gesichtern. Es geht Göran Gnaudschun sicher um den Blick.

Der Blick ist eine Gelenkstelle zwischen Subjekt und Objekt der Betrachtung. Die Trennung zwischen Betrachter und Porträt erfährt in der Wahrnehmung keine Vereinigung, sondern wird über den Blick lediglich vermittelt. Dieser Unterschied zwischen innen und außen lässt sich niemals auflösen. Man kann den Schauder, der einen deswegen befallen mag, mit Bildern provozieren...und fühlt sich von Dingen angeblickt und abgetastet, die gar keine Augen haben, sondern nur Abbildungen von Augen. Aber das kommt durchaus häufiger vor. Manchmal werden sogar Familienfotos verhängt, um sich nicht von der eigenen Großmutter beim Rauchen beobachten zu lassen.

...Das Zurücksehen der Dinge, an denen man kein Sehorgan ausmachen kann, unterbricht die gewöhnliche Kommunikation unter Sehenden. Menschen, die sich durch das Angesehenfühlen von anderen wahrgenommen wissen. Hier ist es ein tatsächliches Zurücksehen, aber ohne Wahrnehmung, denn soweit geht die Vorstellung dann doch nicht, dass man dem Fotopapier eine Weiterverarbeitung des Gesehenen zutraut.
Trotzdem wird meine subjektive Wahrnehmung der äußeren Welt gestört, da ich alltäglicherweise davon ausgehe, dass meine Vorstellungen mir gehören, das Zurückblicken des Bildes, welches ich betrachte, scheint sich nun aber einzumischen und diesen Prozess zu steuern...

Die eigene Arglosigkeit, die Ahnungslosigkeit des Betrachters wird offenbar. Der Reizschutz des Subjekts wird unterlaufen. Diese Porträts haben nichts Schreckliches, Ekelhaftes, Lautes, Stinkendes – sie sehen ja ganz gut aus, und einigermaßen normal, aber das ist eben ein Irrtum. Sie sehen erstmal harmlos aus, und deshalb funktioniert der Filter nicht. Man rechnet hier nicht mit einem Zurückblicken, einer so intensiven Wirkung.

Das Objekt scheint einen anzusehen, weil es an etwas erinnert. Dieser Effekt ist Ohnmacht des Reizschutzes und Macht der erinnerungsauslösenden Objekte. „Du musst dein Leben ändern“ ist (die) spontane Reaktion, von der Art eines Selbstgesprächs. Die Reaktion, also die Idee, jetzt sofort sein Leben zu ändern, passiert automatisch, aus folgerichtiger Notwehr, nur ist es immer zu spät, auch für einen anderen Betrachter. Für einen mit geändertem Leben findet diese Irritation wieder statt, nur mit einem anderen Arsenal von Erinnerungsbildern. Man macht, wie Lacan formuliert, selbst immer einen Fleck im Bild, den man nie wegbekommt. Es lässt sich nur die Position des Flecks verändern. Das Verhältnis des Blicks zu dem, was man sehen möchte, ist ein Verhältnis des Trugs. Das Subjekt stellt sich als etwas anderes dar, als es ist, und was man ihm zu sehen gibt, ist nicht, was es zu sehen wünscht. Der Blick ist der Ort dieser Missverständnisse. Höflicher könnte man auch vom Blick als Ort der Vermittlung sprechen, allerdings wird damit die Begehrlichkeit des Betrachters heruntergespielt.

Denn es ist doch so, daß das ganze Foto unter den geierigen Blicken des Betrachters zu flimmern beginnt. Der Schauende will aufs Ganze. Was aber nicht zu haben ist. Und zwar weil Bildern aus der Perspektive eines konkretistisch Schauenden, der nur das sieht, was zu sehen ist (was auch sonst?), immer allerlei fehlt: Es ist ja nur ein Ausschnitt, es ist noch nicht mal dreidimensional, es ist auch so seltsam groß, also man weiß, dass da irgendetwas unvollständig bleibt oder lügt. Verglichen mit diesem Vollständigkeits-Begehren des Betrachters, erscheint die Realität des Fotos nur marginal. Diese Prozesse ereignen sich einzig auf der Ebene des Blicks. Es ist weder im Bild noch im Betrachter. Der Betrachter deponiert seinen Blick für eine Weile im Bild, und das Bild eröffnet im Gegenzug im Betrachter die sonst zugedeckten Erinnerungsdeponien.

Göran Gnaudschun provoziert mit seinen Fotos den Eindruck einer zusammengezogenen Vorstellung von Wahrnehmung. Die Setzung von Subjekt und Objekt ist unmöglich. Man weiß nicht mehr genau, wer hier zuerst schaut, der Blick bleibt in jedem Fall außen.

Nora Sdun


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