Walk on the Wild Side(s) I
2009, Mai 4th
Photos: Bertram Weisshaar
Spazierengehen und Photographie
Bertram Weisshaar setzt geführte und zuweilen künstlerisch inszenierte Spaziergänge ein, um unsere Wahrnehmung von Welt und ihren landschaftlichen, historischen, kulturellen und baulichen Begeben- und Beschaffenheiten zu schärfen. Genau hinsehen, quer denken, hinterfragen, anders sehen und interpretieren. Die Photographie dient ihm einerseits als Vermittlungsmedium von Projekten und Spaziergängen, die er allein unternimmt und andererseits auch als Dokumentationsmedium seiner Unternehmungen mit Publikum. Jenseits dieser beiden “Anwendungen” entsteht ein ziemlich quergebürstetes eigenes künstlerisches Werk, das mit großem Alleinstellungsmerkmal in der zeitgenössischen photographisch-künstlerischen Praxis gelten kann.
Seit Mitte der 1990er kenne ich Bertram Weisshaar, habe über die Jahre schon so einige Exkursionen zusammen mit ihm erlebt teilweise in Räumen und Gegenden, in denen ich selbst als Photograph unterwegs (sic!) war, und kam nun kürzlich, anlässlich einer Recherche Bertrams in Braunschweig, auf den im Grunde sehr nahe liegenden Gedanken, dass die Photographie und der Spaziergang doch eigentlich in Teilbereichen sehr ähnliche Annäherungsstrategien an Räume teilen und auch als Medium im Zugriff auf Welt große Parallelitäten aufweisen. Sind diese beiden Praktiken etwa grundsätzlich verwandte Medien? Eine steile These, aber aus diesen Gedanken formte sich die Idee zu dem hier folgenden Interview.
Kai-Olaf Hesse: Bertram, mal so vorweg: wenn man den Begriff Photographie oder Landschafts-/Stadtlandschaftphotographie in den Raum stellt, erzeugt das zunächst wohl höchst selten Verwunderung, wohingegen der Begriff Spaziergangs-Wissenschaft (!) wohl doch eher erstmal ein Zögern oder gar Kopfschütteln auslöst. Wie kam es zu dieser Begriffswahl?
Bertram Weisshaar: Ja. Der Begriff Spaziergangswissenschaft löst fast immer eine Irritation oder oft auch ein Schmunzeln aus. Na, und damit hat man die Aufmerksamkeit und Offenheit seines Gegenübers bereits eingefangen. Da – dies vorweg – ist der Spaziergangsforscher dem Fotografen gegenüber gewissermaßen in der Vorhand. Was Fotografie ist, weiß (vermeintlich) jeder. Was Spaziergangsforschung ist, will jeder erfahren.
Der Soziologe und Planungskritiker Lucius Burckhardt begründete die Spaziergangswissen-schaft in den 1980er Jahren an der Universität Kassel. Eine der zentralen Überschriften beispielsweise lautet: Landschaft an sich gibt es gar nicht, sondern sie ist eine kulturelle Erfindung, die nur in unseren Köpfen, in der Art und Weise, wie wir unsere Umwelt betrachten, vorhanden ist.
Klar gibt es beispielsweise real die Berge und die Wiesen und Wälder, den Wind und das Vogelgezwitscher. Aber dass wir diese Elemente, die ja von sich aus erst einmal nicht notwendig etwas miteinander zu tun haben, zu einem Gesamteindruck integrieren und eben dies als Landschaftserlebnis beschreiben, ist in der Tat eine kulturell vermittelte Sicht auf die Welt. Und hier ist nun eben interessant zu sehen, dass bestimmte Erscheinungen ganz wichtig und “typisch” für Landschaften sind, die dann von Touristen auch immer fotografiert werden, andere ebenfalls real existierende Dinge aber ausgeblendet, regelrecht übersehen werden und gewissermaßen nicht zur Landschaft gehören.
Also, die Kühe auf der Alm machen das Landschaftserlebnis perfekt, der Milchlaster, der die Milch abholt, wird aber entweder gar nicht wahrgenommen oder stört das Landschaftsbild. Sobald man auf solche Hinterfragungen einmal einsteigt, findet man permanent weitere Fragen. Und in diesem Sinne gibt es ein ähnliches Suchen von Seiten der Spaziergangsforscher als auch von Seiten der Fotografen.

KOH: Photographen, die im Freiraum, der Stadt oder der Landschaft arbeiten, gehen ja auch viel spazieren, um ihre Motive zu finden. Von der Street- über die Stadt- zur Landschafts-photographie usw.. Sind solche Photographen auch Spaziergangswissenschaftler, oder worin unterscheiden sie sich?
BW: Na ich denke, die Intention der Fotografen zielt schon sehr eindeutig auf das Produkt “Foto”, mit welchem der Fotograf dann die Kommunikation mit der Öffentlichkeit sucht. Als Spaziergangswissenschaftler – etwas sympathischer noch ist mir der Bergriff Spaziergangsforscher – ziehe ich meistens mehrere Medien und Kommunikationsmöglichkeiten in Betracht und wähle dann jene, die mir für den konkreten Fall am besten geeignet erscheint.

KOH: Ja, aber der eigentliche „Erkenntnisgewinn“, den man als Photograph vor Ort erlebt, scheint mir doch sehr dem zu ähneln, den du als Spaziergangswissenschaftler erlebst, bzw. die Teilnehmer deiner Spaziergänge erleben; also, der Prozess, in dem Wirklichkeit zur Erkenntnis bzw. dann zum Bild wird. Selbst wenn das Ziel von Photographen dann die Kommunikation der Bilder zum Publikum ist – die Arbeit mit dem Bild nach der Aufnahme ist dann ja meist sehr anderer Natur, nämlich Produktion, Herstellung, Hängung und so weiter; jedenfalls meist weniger ein transzendentales Arbeiten. So gesehen setzt die Auseinandersetzung zwischen Phänomen und Betrachter in der Photographie eben erst nachgeordnet ein, an der Wand oder mit einem gedruckten Produkt. Diesen Aspekt gibt es in der Spaziergangswissenschaft ja dann nur eher mittelbar, oder?
BW: So wie Du die Rolle des Photographen beschreibst, fungiert er doch eigentlich als eine Art „Medium“. Das Publikum erhält durch seinen Blick hindurch einen mittelbaren Blick auf das Phänomen. Als Spaziergangsforscher führe ich das Publikum direkt an den Ort des entdeckten Phänomens. Dort angekommen gewinnt der Betrachter dann sein ganz eigenes, unmittelbares Bild aus seinem eigenen Hinschauen. Dieses „vor Ort sein“ eröffnet ihm eine vielschichtige, eigene Anschauung, denn das Schauen wird ergänzt durch eigenes Hören, Fühlen und insbesondere eben auch durch ein Raumverständnis, das man ja erst durch die eigene Bewegung erlangen kann.
KOH: Hat die Photographie in deiner eigenen Arbeit einen autonomen, künstlerischen Ansatz, oder ist sie eher “dienendes” Medium, welches du einsetzt, um deine Konzeptionen umzusetzen, vorzubereiten oder zu dokumentieren? Kann man diese Bereiche überhaupt trennen, oder ist am Ende “der Spaziergang” (als Event) das künstlerische Werk? Inwieweit siehst du deine Spaziergänge überhaupt im Bereich der Kunst verortet? (Mir würden z.B. Bezüge zu Allan Sekula einfallen siehe u.a. Performance under Working Conditions).
BW: Dies hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder verändert. Von meiner ersten Ausbildung her bin ich Fotograf. In jener Zeit dachte ich in dem gelehrten Rahmen, das Foto oder auch die gedruckte Veröffentlichung ist das Ziel und Ergebnis. Dann lernte ich durch Lucius Burckhardt und insbesondere durch die Begegnung mit den faszinierenden Erscheinungen der ostdeutschen Braunkohlenbrachen den Spaziergang als künstlerisches Medium kennen. Ich konnte erleben, wie Menschen viel direkter, umfassender und komplexer berührt werden können, wenn ich sie mitnehme zu einem Spaziergang, als wenn ich ihnen im Gegensatz hierzu lediglich einige Photographien zeige. Ich habe damals anfangs auch viel fotografiert, habe dann aber sehr schnell mein Interesse an der Fotografie fast gänzlich verloren. So hatte ich beispielsweise auf dem Grund der Braunkohlengrube einen Fotoapparat versteckt, damit der immer sofort zur Hand wäre, wenn ich ein Motiv finde. Ich hab’ diesen Fotoapparat dann echt vergessen – er lag da sogar einen ganzen Winter lang ungenutzt in der Grube. Was ich in der damaligen Situation mittels Spaziergängen an Eindrücken und Erlebnissen ganz unmittelbar anderen Menschen vermitteln konnte – im Vergleich dazu empfand ich die Fotografie einfach nur noch ein lahme Krücke. Heute – die betreffende Landschaft ist durch technische Flutung seit zehn Jahren von der Erdoberfläche verschwunden – sehe ich meine Fotos aus der damaligen Zeit natürlich ganz anders.
Dass das Gehen und der Spaziergang ein eigenständiges künstlerisches Medium, gewissermaßen eine selbständige Werk-Form darstellt, hat sich in den letzten Jahren zunehmend durchgesetzt. Richard Long zum Beispiel läuft ja bereist seit 1967 durch die zeitgenössische Kunst. Aber eigentlich ist diese Frage ziemlich nebensächlich. Zumal: “Kunst” erreicht in der Regel nur einen sehr engen Interessentenkreis. Der Spaziergang ist da viel offener und ermöglicht viel mehr Personengruppen einen Zugang. Darüber hinaus besitzt er aus künstlerischer Perspektive eine Eigenschaft, die ihn geradezu als Medium herausstellt: Ein Spaziergang ist immer ein Original. Gerade im Zeitalter der endlosen Reproduzierbarkeit lässt sich der Spaziergang eben nicht wirklich wiederholen. Und der Rezipient muss sich selbst auf den Weg machen, muss sich selbst Einzelszene um Einzelszene, muss sich das Gesamtbild “erarbeiten” und bekommt dieses nicht einfach im Galerieraum angeboten. Auch ganz sympathisch: Die Autorenschaft des Künstlers tritt dabei zwangsläufig etwas in den Hintergrund. Der Spaziergang als Werk verstanden ist gewissermaßen eine Koproduktion von Künstler und Rezipient.
Seit einiger Zeit versuche ich nun, eine Schnittmenge der beiden künstlerischen Medien Fotografie und Spaziergang zu entwickeln. Momentan bin ich soweit, dass ich eine Serie von “Fotos” an genau den Orten ausstelle, die sie abbilden. Es handelt sich dabei nicht wirklich um Fotos, sondern jeweils um eine einzelne Projektion, die in einer begehbaren Camera Obscura am originalen Ort betrachtet werden kann. Diese Abbildung ist nicht speicherbar und kann damit nicht in einen Galerieraum transportiert werden. Somit muss der Besucher und der entwickelte mobile Galerieraum – the strolling gallery – an die jeweiligen Orte spazieren.
Ein anderer Pfad folgt der Lust, Teilnehmer von Spaziergängen in Photoinszenierungen zu involvieren, so zum Beispiel die Szene „See macht blind“ am Ufer des jüngst durch Tagebauflutung entstandenen Bärwalder Sees.

Auch beabsichtige ich bei Spaziergängen immer wieder inszenierte Situationen, die dann ziemlich vorhersehbar von den Teilnehmern fotografiert werden. Andererseits gibt es während der Spaziergänge aber auch sehr oft Situationen, oder eher Atmosphären, die sich nicht an einer Perspektive oder an Sichtbarem generell nicht festmachen lassen. Hier spielt die Fotografie dann zwangsläufig keine Rolle mehr.

KOH: Wenn ich als Photograph spazieren gehe, dann ist das ja oft entweder eine Suchbewegung, weil ich bestimmte Bilder in der Gegend suche, oder ein Thema im Kopf habe und weiß oder ahne, dass sich hier, wo ich dann eben gehend unterwegs bin, Bilder finden lassen, die zu diesem Thema/Konzept passen oder gehören. Es gibt allerdings auch Arbeiten, die sich über längere Zeiträume und in vielen unterschiedlichen Räumen photographiert erst akkumulieren und dann irgendwann ein “Projekt” oder eine Werkgruppe bilden auch hier komme ich (spazieren-)gehend zu Bildern.
In all diesen Szenarien könnte man Behaupten, dass das Spazierengehen nur Mittel zum Zweck sei, um eben zu Bildern zu kommen. Ich neige allerdings eher zu dem Eindruck, dass der Zustand des Spazierengehens eben erst eine gewisse Wach- und Aufmerksamkeit schafft, die mich diese Bilder ahnen, spüren und sehen lässt. So gesehen wäre dann ja eigentlich die Photographie nur ein nachgeordnetes Medium, mit dem ich dann diese “Erkenntnisse” festhalte (und weitergeben kann). Sind also all diese so arbeitenden Photographen im eigentlichen Sinne Spaziergangsforscher/-wissenschaftler, die sich dessen vielleicht nur nicht bewusst sind (oder sich nur nicht trauen sich auch so zu nennen, weil es so nach Nichtstun und Müßiggang klingt)?
BW: Ich sehe da auch eine Verwandtschaft: Kreativität und offenes Wahrnehmungsvermögen bedürfen einer bestimmten Verfasstheit. Das Gehen mit einem gleichzeitigen gedanklichen Unterwegssein ist eine sehr gute Methode, sich in eine solche Verfasstheit zu bringen. Ich denke in solchen Anfangsstadien, die du beschrieben hast, in welchem man das Thema erst nur erahnt und mehr intuitiv als bereits wissend einen Zugang und Ansatzpunkt für eine eigene Position sucht, da sind sich Fotografen und Spaziergangsforscher vielleicht fast identisch. Der französische Landschaftsarchitekt Bernhardt Lassus benannte diese Art der Annäherung einmal “herumschweifende Aufmerksamkeit”, die sich angehende Landschaftsarchitekten antrainieren müssten. Viele Fotografen sind in diesem Sinne sicherlich (und anerkennend) zu beschreiben als aufmerksam Herumschweifende. Mir scheint, wir beide haben uns das Herumstrolchen aus Kinderzeiten bewahrt.
KOH: Worin unterscheidet sich deiner Meinung nach der eigentliche Betrachtungs- oder Erkenntnisprozess in seiner Wirkung beim Publikum? Wenn ich als Beispiel an einen Klassiker der „modernen“ Photographie denke, wie die New Industrial Parks near Irvine, California aus den 1970ern oder andere Arbeiten von Lewis Baltz, dann frage ich mich schon, wie sich dieses konzentrierte Hinschauen auf diese vorgegebenen Ausschnitte in einem geführten Spaziergang erzeugen lässt, ohne dass man Leute mit der Nase drauf stoßen muss – was der Baltz’schen Photographie ja ziemlich elegant gelingt (allerdings, zugegeben: als dieserart Bilder neu waren, tat man sich zunächst ja sehr schwer sich dem auszusetzen und erst recht, diese als „Kunst“ anzusehen…).
Also, einfacher formuliert: angenommen es geht in einer Arbeit um Wahrnehmung, Vermittlung, Interpretation und Hinterfragen von Lebenswirklichkeiten am Beispiel eines Industriegebietes oder Gewerbeparks, wie würdest du die künstlerischen und vor allem funktionalen Unterschiede beschreiben, zwischen Photographien á la Lewis Baltz oder Joachim Brohms Areal an einer Ausstellungswand oder in einem Buch und einem geführten Spaziergang mit Bertram Weisshaar respektive einer Dokumentation dessen?
BW: Wie vorhin schon angesprochen, erfüllt der Spaziergang ganz wesentlich auch die Funktion, ein räumliches Verständnis zu erschließen. Also hinterher weiß man ziemlich genau wie weit es von A nach B ist und wie abwechslungsreich oder langweilig die Strecke zwischen diesen beiden Szenen ist. Diese Funktion vermag ein Photo oder auch eine Photoserie nur ansatzweise zu vermitteln. Der Betrachter erfährt seltenst, was außerhalb des Bilderrahmens, zwischen den gezeigten Photos passiert und existent ist – was aber ebenso Teil der Lebenswirklichkeit ist.
Auf der anderen Seite hat natürlich auch die Photographie ihre nur ihr eigenen Vorzüge. Zum Beispiel, wie Du es beschrieben hast, dass man die Betrachtung auf einen sehr definierten und vielleicht auch sehr reduzierten Ausschnitt vorgeben kann. Dem Betrachter bleibt dann nur übrig, sich das Links und Rechts selbst hinzuzudenken und er steigt damit sehr intensiv in das Bild ein. Oder dass man Bilder gleichzeitig nebeneinander oder gegeneinander stellen kann, somit Ähnlichkeiten, Bezüge, Widersprüche etc, visualisieren und pointiert herausarbeiten kann, ist mittels Spaziergang weit schwieriger. Denn man kann ja immer nur an einem Ort zur selben Zeit sein, somit ein solches Nebeneinander- und Gegeneinanderstellen nur in einer Abfolge herbeigeführt werden kann – hierbei dann aber viele Zufälle und augenblickliche Geschehnisse dazwischen geraten, welche die Bildkette gewissermaßen wieder unterbrechen können. Das ist insbesondere bei Spaziergängen in Stadtgebieten die Schwierigkeit, eine durchgängige Verfasstheit zu erzielen, da man ja eben nicht in einem geschlossenen Raum unterwegs ist. Das setzt schon auch starke Grenzen. Hänge ich ein Photo an die Wand, bestimme ich ganz genau, was ich zeige. Biete ich einen Spaziergang an, bleibt immer ein Stück weit ungewiss, was am Ende wirklich zu sehen sein wird, da man (aus der Rolle des Künstlers) eigentlich nur wenig wirklich selbst in der Hand hat. Und doch halte ich die eigene Begegnung mit dem Ort mitunter für nicht ersetzbar. Es gibt Orte, da muss man nur einmal stehen – und man versteht.
KOH: Bertram, vielen Dank für dieses Gespräch!
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