I am a Street Person
2009, Mrz 26th
Dieser Artikel erschien anlässlich der Ausstellung Paul Graham. Fotografien 1981–2006 im Museum Folkwang leicht verändert in der März-Ausgabe der Photonews (Nr.3/09, März 2009)
Sleeping in a Mini (1981–86)
Paul Graham (geb. 1956) ist fotografischer Autodidakt, studierte Mikrobiologie und hatte einen Nebenjob in einer Kunstbuchhandlung, was ihm allerdings ermöglichte so ziemlich jedes Buch zu bestellen, das er wollte. Dieses Selbststudium machte zwar den Buchhändler nicht reich, denn keiner wollte diese Bücher im London jener Zeit haben und so wurden die New Topographics-, Robert Adams- und Ed Ruscha-Kataloge schließlich verramscht. Nun ja, immerhin gab es in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren noch die Zeitschrift Creative Camera, die Tradition der schwarzweißen britischen sozialdokumentarischen Fotografie und einen alten Mini, in dem man notfalls auch schlafen konnte.
Schon bei den Scouts oder irgendwo sonst auf dem Weg hatte er gelernt eine Kamera zu bedienen, aber das eigentliche präverbale Licht hatten dann die Bücher von Winogrand, Eggleston und Friedlander in Graham angeknipst. Also zog er bald darauf mit einer Großbildkamera los und fotografierte entlang der A-1 quer durch Großbritannien, von London aus immer weiter nach Norden: Landschaften, Leute, Cafés und Tankstellen. Als diese Arbeit dann 1983 – Graham war da 27 – als Buch erschien, war das ein schockierender Bruch mit den Traditionen der britischen Fotografie. Selbst oder gerade im Umfeld von John Davies, Chris Killip, Martin Parr und anderen. Denn Grahams Bilder waren in Farbe aufgenommen – wie dann in schneller Folge bis 1987 auch Arbeiten von Richard Billingham, Paul Seawright, Nick Wapplington oder Tom Wood, ja selbst Martin Parr wechselte, wie wir wissen zur Farbe. Und: Graham legte mit gleich zwei weiteren Büchern, nun mit einer Makina 67 aufgenommen, nach: Beyond Caring (1986) – über das trostlose Innenleben im Wartesaal der Arbeit – und Troubled Land (1987), in dem er den nordirisch-britischen Bürgerkrieg mit den Mitteln der Landschaftsfotografie darstellte.
Eigentlich eine perfekte Ausgangslage für eine steile Karriere im gerade aufblühenden Fotografiemarkt, aber angebotene Commissions, die vorsahen Troubled Land an anderen Orten der Welt zu wiederholen, lehnte er ab. Ihn reizten immer wieder neue Wege, das Radikale des Bruches in den eigenen Bildsprachen, der Versuch der Hinterfragung des Fotografischen, des Dokumentarischen und der eigenen Position im Politischen. Letztlich war diese Risikobereitschaft natürlich viel spannender, wie diese Ausstellung belegt.
London, Berlin, Tokyo, TV
Irgendwann in den späten 1980er Jahren weitete sich dann die Achse New Colour-Sozialdokumentation in Richtung Essen und Berlin. Paul Graham schloss Freundschaften mit den Resten des Authentischen (Gosbert Adler, Joachim Brohm, Volker Heinze, Michael Schmidt et al.) und stieß schließlich in Kreuzberger Gemengelagen wieder auf Amerikaner; diesmal auf Lewis Baltz und John Gossage.
Keineswegs zufällig, aber längst gänzlich im Politischen angekommen, gleichzeitig zwischen den Schubladen von Dokumentation und Kunst sowie mit der Patina des Alltags behaftet, krachte förmlich New Europe (1993) auf die imaginäre transatlantische Brücke der Fotografie. Und spätestens mit dieser Arbeit begannen dann für viele die Nachhilfestunden im Bilder- und Welt-Lesen.
In der Folge von The Pond (Gossage, 1985), Waffenruhe (Schmidt 1987), und Ahnung (Heinze 1989) kann New Europe auch als intuitive Bewegung weg von der „Großen Fotografie“ und hin zu einer mehr reaktiven Haltung und Bildsprache mit gleichwohl vielschichtigem Beweischarakter verstanden werden, die zunehmend auch Randständiges und Nebensächliches seiner Wahrnehmung mit einbezieht. Die andauernde Suche nach einer ästhetischen Darstellbarkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen, von Politischem jenseits der Medienklischees, führt Graham vor dem Hintergrund verschwindender Totalitarismen und einem jeglicher gesellschaftlicher Kontrolle entgleitendem Kapitalismus in die unsicheren visuellen Sphären der Symbolik und der Metaphern: seine Sprache findet sich im Offenen, hinter der Oberfläche Liegenden und es ist zunehmend gerade diese Ungewissheit, die seine Bilder derart plausibel macht und sie gleichzeitig authentisch bleiben lässt. Durch Grahams Lust am subjektiven Sehen des Authentischen schärft und erweitert er unseren Blick auf das Existentielle der Realität und stellt in Frage wie wir die Welt sehen und interpretieren.
Paul Grahams „Dokumentations-Emotions-Fiktionen“ stellen mehr Fragen, als dass sie Antworten geben wollen; sie werden immer experimenteller und steigern sich mit Empty Heaven (1995) am Beispiel der Leere im Schnittpunkt von Gegenwart und Vergangenheit eines japanischen Sittengemäldes zu einer antithetischen, beinahe neo-romantischen Dekonstruktion von Schein und Sein.
Zeitgleich erkundet und reflektiert er mit der nicht abgeschlossenen Serie Television Portraits (seit 1990), die Freunde und Bekannte beim Fernsehen zeigt, in einer Art persönlichem Ruhepol seiner Arbeit den Akt des Sehens als solchen. Die Flucht vor dem Faktischen der Welt da draußen, die sein Bildpersonal dieser Serie in einem Moment der Schwebe – jenseits des Bewussten im Hier und Jetzt – zeigt, stemmt seiner „Politik der Farben“ eine Art Hoffnung mit der Macht des Lebens entgegen.
American
Spätestens mit dem Schwenk der Blicke in der Sequenz von End of an Age (1999) deuten sich schon die formale Drehung und die erneuten Entwicklungen seines bildsprachlichen Duktus an, die sich im Weiteren über die Arbeiten Paintings (2000) – die noch in England entstand –, American Night (2003), bis hin zu A Shimmer of Possibility (2007) erstrecken, wobei dem Vagen zunehmend konzeptionelle Strategien beiseite gestellt werden. In Shimmer sind es dann beinahe buchstäblich filmische Schwenks, Schnitte oder an Storyboards erinnernde kurze und ausschnitthafte Sequenzen in die sich die umfangreiche Arbeit gliedert.
In gewisser Weise ähnelt Paul Graham dem jungen Robert Frank. Wieder einfach nur ein Typ (aus Europa), der mehr oder weniger ziellos durch die USA rollt, auf der Straße steht und schaut. Allerdings sind Grahams Bilder nun natürlich ungefähr so weit entfernt von denen Franks wie Haruki Murakami von Jack Keruoac.
Paul Graham lebt inzwischen dauerhaft in den USA – von Thatcher zu Bush – und setzt sein politisches Hinschauen ohne vorher aufgestülpte Begründung fort. Endgültig scheint er sich abgewendet zu haben von der smarten und eloquenten Dokumentation, der er immer aus dem Weg gegangen ist, und räumt dem Zufall, dem Sublimen und dem Leben einen breiten Raum ein. Dabei ist er keineswegs auf der Suche nach DEM Bild, sondern nach dem Stückchen Leben, dass sich jenseits einer Photoshop-Perfektion, direkt und klar, (in Büchern, denn das ist Grahams zweites Medium und vor-imaginiertes Endprodukt) darstellen lässt. In vieler Hinsicht scheint für Graham jeder Moment zunächst decisive zu sein und Robert Adams hat Recht: „Useful pictures start by seeing.“ Allerdings bleibt für mich die Frage, ob der Optimismus, den Graham in Shimmer sieht, wirklich zu präzisieren ist, denn evident erscheint er mir nicht. Er bleibt eben vage, im Bereich der endlosen Möglichkeiten. Bruce Springsteen hört sich das so an: „Sunrise come, I climb the ladder, a new day breaks, and I’m working on a dream“ – ob das reicht für ein besseres Leben?
Überhaupt bleibt bei mir ein Gefühl davon, dass Grahams frühere Arbeiten, sozusagen zu Hause in Europa, doch deutlich genauer waren in ihrer Ansprache und ebenso in der Eingrenzung ihrer thematischen Projektionsräume; letztlich wohl befördert von einer tiefer mitschwingenden Historie (und dem eigenen Wissen hiervon) und deren Resonanz in seinen Bildern.
Paul Graham. Fotografien 1981–2006
Es ist ein seltener Glücksfall, dass einem fotografischen Werk – Paul Graham fühlt sich deutlich unwohl bei dem Begriff Retrospektive – eine solcherart großzügige Bühne zur Verfügung gestellt wird, aber diese Ausstellung bespielt fast den gesamten Altbau des Folkwang Museums. Beinahe möchte man meinen mit dieser („Abschieds“-)Ausstellung, mit der das Museum dann für den weiteren Um- und Anbau im April erst einmal seine Tore schließt, möchte Ute Eskildsen noch einmal eindrücklich vorführen, welche Kraft in der Fotografie steckt. Das gelingt ihr und dem Künstler ganz vorzüglich.
Die Bilder sind in ihrer Mehrheit für diese Räume neu geprintet – es sind bis auf die Ausnahme von A-1 alles Inkjetprints, die Paul Graham (außer American Night) selbst fertigt –, und das Arrangement in der gegebenen Architektur, das Zusammenspiel, die Durchblicke und die Möglichkeiten der Darstellung von Entwicklungslinien der letzten 25 Jahre seiner Arbeit sind geradezu überwältigend. Die hier versammelten 11 großen Werkgruppen in etwa 145 Bildern sind in der Tat so präsentiert, das sie sich dem Leser und Betrachter – übrigens auch im sehens- und lesenswerten Katalog – erschließen und geradezu zur physischen Erfahrung werden.
Das konkret Politische in Grahams Werk hinterlässt hier, weder dogmatisch noch didaktisch, im Oszillieren zwischen „Klarheit und Opazität“ weit mehr als eine Ahnung vom Kosmos dieses Künstlers. Es kartiert geradezu die Themen, Bezüge und grenzüberschreitenden, formal verlagerten Bildwelten des Fotografen Paul Graham, der sein Bildvokabular ständig erweitert.
Museum Folkwang, Essen; 24.01. bis 05.04. 2009. Anschließend in der Whitechapel Art Gallery, London und Deichtorhallen, Hamburg