Fotografieren
Was mich zum Fotografieren bewegt
sind emotionale Begründungen. Oft beeindrucken mich Orte, weil sie
Melancholie ausstrahlen oder verlassen wirken, oder Situationen, die ich
als paradox wahrnehme. Manchmal ist es etwas Hässliches, das eine
unerwartete Harmonie der Formen oder Farben aufweist, oder im Gegenfall
vermeintlich Attraktives, das für mich eher abschreckend wirkt.
Rational gesehen ist es vielleicht die Wahrnehmung der
Dichotomie zwischen dem was ist und was eigentlich sein sollte.
Manchmal sind es kuriose
Zusammensetzungen von neuen und alten Elementen, die ich fast wie
abstrakte Kunstobjekte oder gewollte Installationen wahrnehme. In
gewisser Hinsicht versuche ich in meinen Bildern eine ästhetik des
Absurden zu dokumentieren, aber auch Stimmungen einzufangen, die ich im
Reisen durch die Städte erfahre.
Moskau
Im August 2006 flog ich nach Moskau. Es war 13 Jahre her,
seitdem ich in St. Petersburg einige Zeit verbracht hatte, und ich
wollte immer schon die "große" Hauptstadt Russlands sehen. Obwohl damals
meine Petersburger Freunde mit Verachtung meinten: "Moskvà? Eto Voksal"
(Moskau ist nur ein Bahnhof). Oder vielleicht gerade deshalb.
Natürlich hatte sich in diesen Jahren in Russland unheimlich viel
verändert. Moskau ist vielmehr eine einzige Baustelle, in der Altes und
Neues dicht nebeneinander existieren. Auch unter den Leuten sah ich
einen ziemlich heftigen Kontrast zwischen den Neureichen, vor allem
symbolisiert von den jungen Paaren, die in Stretch-Limousinen zum roten
Platz fahren, um sich dort fotografieren zu lassen, und meist alten,
ärmeren Leuten, die am U-Bahn-Eingang Blumen, Beeren oder sogar Katzen
verkaufen.
In Moskau wohnte ich im Studentenwohnheim des Puschkin-Instituts, das
sich im Süd-Osten der Stadt befindet, nicht weit von der
Lomonosov-Universität. Mein Zimmer war in der 12. Etage und ich konnte
aus meinem Fenster einen weiten Blick über die Gegend genießen. Die
Zimmer, die Küche, der Aufzug, alles machte mir den Eindruck, vor 30
Jahren gebaut und dann nicht mehr verändert worden zu sein.
So wurde mein Aufenthalt eine Suche nach Bildern, die mir dieses Gefühl
von Verlassenheit,
langsamer Zerstörung, Nostalgie, aber auch Rekonstruktion und Lust auf
Umbruch gaben.
Neapel
Einmal im Jahr fliege ich nach Neapel, um mit dem Schiff nach Stromboli
weiterzufahren. Diese Stadt hat mich immer fasziniert, schon als Kind,
als meine Mutter mich und meine Schwester samt Gepäck vor eines der
vielen "Vini e olii" parkte, und wir innerhalb von zwei Minuten von
zahlreichen neugierigen Kindern umgeben waren, die uns über Herkunft,
Alter, Sprachkenntnisse befragten.
Neapel ist für mich der Süden Italiens. Neapel ist chaotisch, die Ampeln
existieren nicht, wenn man über die Straße will, muss man sich einfach
trauen und losgehen. Autos, Mopeds, Taxis, Motorräder umgeben dich wie
eine elastische Masse, aber du wirst niemals überfahren, wenigstens habe
ich dort noch nie einen Unfall erlebt.
Wie in ganz Italien gibt es auch in Neapel inzwischen sehr viele
Ausländer.
In einem chinesischen Geschäft am Bahnhof habe ich Schwarze
und Chinesen erlebt, die sich auf "Neapolitanisch" unterhalten haben.
Neapel ist Leben, Essen, Freude, Licht und Meer (und in letzter Zeit
leider auch Müll). Neapel lebt in unglaublicher Leichtigkeit in
unmittelbarer Nähe eines gefährlichen Vulkans, aber ich glaube nicht,
dass das die Einwohner wirklich besorgt.
Im Sommer 2006 flog ich direkt von Moskau nach Neapel und sah hier
genauso viel Zerstörung, Untergang, Armut wie in Moskau. Ich beobachtete
eine 4-köpfige Familie, die gemütlich auf einer Vespa Richtung Meer
fuhr, und sie machten mir den Eindruck von Zufriedenheit. Ich sagte mir:
es muss am Klima liegen, es sind die Sonne und das Meer, die die Armut
und Probleme erträglicher machen. Es ist vielleicht leichter, in Neapel
arm zu sein als in Moskau.